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[   Band 1 Brief 142:    Humboldt an Caroline    [Berlin], Sonntag, 20. März 1791   ]


schöner würde mein Wesen dennoch durch diese unaussprechliche
Nähe. Was Dich umgibt, trägst Du zu Dir empor; auf alles,
was sich Dir nähert, wallt Deine unerreichte Schönheit über. Lina,
Lina, womit verdien ich’s, daß Du mein wurdest?

                                                          Dienstag
. . . Wohl ist Papa gut, und wohl sollen ihm seine Tage
in unsrer Nähe nun heiter und trostreich und ruhig dahinfließen.
Gewiß segnet er bald den Entschluß, den wir jetzt faßten. Mama
findet sich auch recht gut. Sie ist freundlich und scheint mehr von
meinem unabhängigen Leben zu hoffen als sonst. Eigentlich besorgt
sie, ich werde nicht glücklich sein und nicht glücklich machen. Die
Lage würde mir zu still sein, sagte sie mir einmal, und dann würde
ich Langeweile haben, und das würde Dich sehr unglücklich machen.
Die gute Mama. Li fürchtet das nicht, und Bill? — Gott! Li,
daß sich die Menschen so wenig auf ein glückliches Leben ver-
stehen. —
Gestern hab ich zum erstenmal eigentlich erklärt, daß ich den
Abschied nehmen würde. Es ist ein Mann, der immer um den
Großkanzler ist und mir sehr wohl will. Dem hab ich’s geschrieben.
Ich bin begierig auf die Antwort. Ich wünschte, daß es eher ein
bißchen bekannt würde, ehe es geschähe. Es fällt dann weniger
auf. Auch ahnden es viele Leute schon. Nur können sie nicht
reimen, warum ich bei diesem Plan so viel gearbeitet habe. Jetzt
stellen sich einige gar vor, daß das Abschiednehmen nur eine Maske
ist, daß ich’s nur vorgebe, um schneller befördert zu werden. Die
kennen uns gut, Li, nicht wahr? — Lebe wohl, einziggeliebtes
Wesen! Lebe wohl!

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