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[   Band 6 Brief 172:    Humboldt an Caroline    Frankfurt, 28. Januar 1819   ]


Das hängt aber ganz und gar mit sehr guten Eigenschaften in
ihnen zusammen. Wenn eine gewisse Tüchtigkeit des praktischen
Tuns, eine große Treue und Anhänglichkeit an die natürlichsten
Verhältnisse nicht zugleich mit etwas eigentlich Idealischem in Geist
und Gemüt verbunden ist, so ist neben der Stärke immer auch
das Ausschließende da. Selbst in Stein hier merke ich das oft,
obgleich den nun Jahre, Erfahrung und ein gewisser Grad der
Phantasie, den er doch hat, oft darin weiter und zulassender machen.
Alles im Menschen kommt auf die Mischung und das Verhältnis
zwischen Wirklichkeit und Ideen in ihm an. Darin liegt das Ge-
heimnis des Charakters, und das allein ist es, was dem Gemüt
Farbe und Ton gibt. Die Menschen, die sich sonst in allem fast
gleich sind, gehören dadurch wie in zwei verschiedene Klassen, und
dies selbst bewirkt wieder die Phantasie, die nur gewöhnlich in einem
viel beschränkteren Sinne genommen wird.
. . . Es ist mir, als stünde ich an einem Scheidewege des
Lebens. Die Außenwelt hat mich nie so ernsthaft ergriffen, ich
möchte sagen, so unausweichlich. Auch war der Abend, an dem ich
die Kabinettsordre bekam, einer der wunderbarsten meines Lebens,
und gewiß einer der wehmütigsten. Indes bin ich festen und auch
guten Muts, wenn Du, liebe Seele, bei mir und gütig und nach-
sichtig mit mir bist. Daran hängt, darauf ruht alles. Ich habe
ein inneres Sein, das keiner äußeren Mittel, keiner Zeit zur Be-
schäftigung bedarf, das, wie der Boden, über den die Welle geht,
immer dasselbe bleibt, und nur in sich immer wächst, sich mit jedem
Gedanken, jedem Gefühle, jeder Sorge vermischt, das mich nie
sinken läßt, und mit dem ich alles gewöhnlich so genannte Unglück
verachte, mit dem ich noch glücklich sein würde in der Enge eines
Grabes, und das auf eine sehr wunderbare Weise mit der Phan-
tasie vermischt ist. Ich lebe und webe darin, seit ich mir meiner
selbst bewußt bin, alles Gute in mir stammt davon her und kehrt

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